GNILKA Joachim, Rezension, in Oriens Christianus band 91, 2007, s.304-306: (auch: Antword + Rezension des Buches von Gnilka selbst, Die Nazarener und der Koran)

Edouard-Marie Gallez, Le messie et son prophète. Aux origines de l’Islam. Tome I: De Qumrân à Muhammad ; Tome II: Du Muhammad des Califes au Muhammad de l’histoire, Paris (Editions de Paris), Troisième édition 2005 (= Studia Arabica I und II), ISBN: 2-85162-064-9 und 2-85162-065-7 – 524 und 582 Seiten.

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Dem Obertitel des zweibändigen Werkes »Le messie et son prophète« möchte man es nicht anmerken, dass hier Muhammad im Spiel ist, belehrten nicht die Untertitel darüber, dass die Vor- und Früh-geschichte des Islams aufgerollt werden soll. Muhammad als Prophet des Messias, des Messias Jesus, erweckt das nicht den Argwohn, dass hier der Islam für das Christentum eingenommen werden soll? Auf jeden Fall sind Aufmerksamkeit und Interesse des Lesers geweckt.

In der »Indroduction«, gleich am Beginn, fallen zwei aufschlussreiche Bemerkungen auf. Einmal ist es die Unterscheidung zwischen einer prospektivischen und einer retrospektivischen Perspektive in der Erörterung des historischen Sachverhaltes. Die erste wird dem biblischen Exegeten, die zweite dem Islamologen zugemessen. Weil ich mich zur erstgenannten Zunft zähle, bin ich mehr der erstgenannten Betrachtungsweise zugewiesen. Die zweite Bemerkung ist ein Zitat von Hans-Joachim Schoeps, das hier in verkürzter Form wiedergegeben werden soll, weil es für die Intentionen, die Vf. verfolgt, einiges einzubringen scheint: »Und somit ergibt sich als Paradox wahrhaft weltgeschichtlichen Ausmaßes die Tatsache, dass das Judenchristentum zwar in der christlichen Kirche untergegangen ist, aber im Islam sich konserviert hat und in einigen seiner treibenden Impulse bis in unsere Tage hineinreicht.«

Das Buch ist in drei – allerdings sehr umfangreiche und in sich wiederum sehr detailliert zergliederte – Großkapitel eingeteilt: 1. Le dossier »essénien«: une forêt que cache un arbre. 2. Origine et élaboration de la religion judéonazaréenne. 3. Histoire et légendologie. Muhammad et les débuts de »l’Islam«. Das dritte Kapitel ist praktisch mit dem zweiten Band des Werkes identisch.

G. geht zunächst ausgiebig auf die Essener, auf Qumran und die dort 1947 und in den folgenden Jahren entdeckten Handschriften ein. Er behandelt die Zeugnisse für die Essener in der antiken Literatur: Plinius der Ä., Philon von Alexandrien, Flavius Josephus. Die Handschriften trennt er von den in der Qumransiedlung beheimateten »Mönchen« und sieht in ihnen die Zeugnisse einer weitreichenden zeitgenössischen jüdischen Spiritualität und Bewegung. Dem »Lehrer der Gerechtigkeit« schreibt er wohl ein ähnliches Schicksal zu wie Jesus (Kreuzigungstod), was auf der fragwürdigen Deutung einer unscharfen Stelle im Habakuk-Pescher beruht, zieht daraus aber nicht die gleichen Folgen wie seinerzeit Dupont-Sommer, Allegro.

Die durch die Qumran-Handschriften bezeugte Aufbruchsbewegung, die er als messianisch-eschatologische bezeichnet und für deren Beschreibung er auch die Zwölf-Patriarchen-Testamente, das zweite Baruch-Buch und andere jüdisch-apokalyptischen Schriften heranzieht, sieht er durch folgende Punkte gekennzeichnet: •1. Die Erwartung eines endzeitlichen Krieges, in dem Gott, der Messias, sein Volk die Feinde bezwingen und eine erneuerte Welt heraufführen (vgl. besonders die Kriegsrolle von Qumran). •2. Die Erwartung der Errichtung eines neues (dritten) Tempels in Jerusalem. •3. Die Ungleichheit der Menschen (ihre Einteilung in Juden und Nichtjuden, Mann und Frau). •4. Die Verfolgung des Messias und der Propheten und das schließliche Endgericht. Die Auswahl dieser Punkte blickt bereits auf den Präislam/Islam, wo sie weiterwirken und neue Gestalt gewinnen würden.

Die besondere Sicht des Vf. besteht darin, dass er das Christentum, das ja am Beginn ausschliesslich ein Judenchristentum gewesen ist, nicht nur in diese messianisch-eschatologische Mentalität eintauchen sieht, sondern darüber hinaus in der Folge einem Judenchristentum zuschreibt, das sich vom »orthodoxen« Christentum abspaltet, indem es am Gesetz und an der Beschneidung festhält und dies für unverzichtbar (heilsnotwendig) erklärt, ein Weg, den das westliche Christentum nicht mitgegangen ist. Auf der anderen Seite wirkt nach dem Vf. die messianisch-eschatologische Aufbruchsstimmung in den entstehenden Islam hinein, so dass ein großer Zusammenhang zwischen Qumran und Islam auf dem Weg über das Judenchristentum entstehen würde. Dieses sich verselbständigende und sich mit dem Präislam mischende Judenchristentum nennt Vf. »religion judéonazaréenne«.

Vf. ist sich im klaren darüber, dass das Judenchristentum eine zu diversifizierende Größe ist – er erwähnt auch ein gnostisches, johanneisches, ein an Jakobus, am Herrenbruder, ausgerichtetes Juden­christentum, seine Aufmerksamkeit aber gehört folgerichtig dem am Judentum festhaltenden, messianisch-eschatologischen Nazaräertum, für das Jakobus und sein Kreis eine Vorstufe darstellen würde. Er nennt und bespricht Brückenglieder zwischen den Judaeonazaräern und dem Islam. Hier ist ein judaeonazaräisches Bekenntnis anzuführen, nämlich das Bekenntnis zu dem einen Gott mit dem Zusatz »und Jesus (‛Yšû) ist der Messias Gottes«, das eine Brücke zur islamischen Šahâda darstellen würde, eine Verbindung, auf die bereits H.-J. Schoeps aufmerksam gemacht hatte.

Die Zoenobius-Inschrift des 3. Jahrhunderts tritt ins Visier, eines der wenigen inschriftlichen Zeugnisse, die den Begriff „Nazaräer“ bezeugen. Vf. greift auch die verbreitete Auffassung auf, dass das Judenchristentum einseitig das Matthäus-Evangelium bevorzugt hat, verdichtet diese aber zu der These, dass dieses Evangelium im Sinn der Thora in fünf Bücher aufgeteilt gedacht gewesen sei (wohl die fünf Redekompositionen dieses Evangeliums).

Die Hauptproblematik des Buches – so würde ich es sehen – besteht dann aber in der Frage, wo der Islam entstanden ist, wo der Verschmelzungsprozess von Judaeonazaräertum und Präislam stattgefunden hat, der dann schließlich am Ende auch zu einer Trennung geführt hat. In diesem Zusammenhang wird dann auch auf Muhammad und seine Biographie eingegangen und kommen die bekannten überlieferten Daten der Muhammad-Biographie zur Sprache. Aber viel bleibt von ihnen nicht übrig, die meisten werden der »Legendologie« zugeschrieben.

Ich beschränke mich, weil primär Exeget und nicht Islamologe, auf die Mitteilung der harten Daten der Biographie, wie sie Vf. sieht. Das Ursprungsland des Islam ist Syrien, nicht die arabische Halbinsel. Mit Mekka hat Muhammad nichts zu tun, weder vor noch nach der Hijra. Mekka sei kein Handelszentrum gewesen, eine These, die bereits Patricia Crone vertreten hatte. Vf. geht noch weiter: Mekka habe zur Zeit Muhammads noch gar nicht existiert. Die Qurayšiten, denen Muhammad entstammt, seien nachweislich seit dem 5. Jahrhundert in Syrien anwesend. Hier bezieht sich Vf. auf Alphonse Mingana (keine direkte Quellenangabe) (vgl. Band II S. 272, Anm. 1298). Mit dem christlichen Nazaräertum sei Muhammad in Syrien bekannt geworden, auch über seine erste Frau Khadidja und deren Verwandten Waraqa, die beide bereits Angehörige dieser Religion gewesen seien. Unstimmigkeiten innerhalb der Judaeonazaräer hätten zu einem Umzug eines Teils dieser Gruppe von Syrien nach Yatrib geführt, dem sich qurayšitische Araber angeschlossen hätten. Muhammad sei in erster Linie ein Kriegsmann gewesen. Schon 614 habe er sich am arabischen Kontingent des Perserheeres beteiligt. In der Berührung mit dem Judaeonazäertum habe ihn vor allem die kriegerisch-messianisch-eschatologische Idee erfasst.

So sei er 629/30 von Yatrib aufgebrochen, um Palästina und Jerusalem zu erobern, wo sich die eschatologische Erwartung mit der Ankunft des Messias erfüllen sollte. Doch er starb vor Erreichung seines Zieles.

Für die Entstehung des Koran rechnet Vf. mit einem langwierigen Prozess, der mit wiederholten Erweiterungen, Verkürzungen, Retuschierungen verbunden gewesen sei. Die These von der Einarbeitung eines Lektionars übernimmt er, sieht dafür auch Hinweise in den Suren 43,2-4; 73,20; 15,1 u. a. (vgl. II 188ff.). Auch sei weiteres Material, auch judaeonazaräisches und arabisches, aufgenommen worden. An der endgültigen Fassung durch die Kalifen hält er fest. In dieser Entwicklung erfolgte die Trennung vom Judenchristentum, der Bau des Felsendoms in Jerusalem (noch in der Erwartung des Messias), die Erhöhung Muhammads zum Propheten, der Ausbau Mekkas zum Zentrum der Wallfahrt.

Zur Beurteilung: Vf. hat zweifellos ein aufregendes, gut lesbares Buch geschrieben, das neue Aspekte zur Beurteilung des Lebens Muhammads und zur Entstehung des Islams beibringt und zur Diskussion stellt. Das ist auch deswegen zu beachten, weil sich heute die Stimmen mehren, die die historische Existenz Muhammads ganz in Zweifel ziehen (C. Luxenberg, K.-H. Ohlig, H. Jansen). Die Argumentationsweise unterscheidet sich auch darin von der anderer Autoren, dass Vf. nicht die Hadithe, sondern altchristliche Autoren zu Rate zieht, die sich zu Muhammad und dem Islam geäußert haben (Sophronius, Patriarch von Jerusalem 634-638, die Doctrina Jacobi nuper baptizati, der Dialog des Patriarchen Johannes mit einem Emir, Pseudo-Sebeos u.a.). Hat Vf. sein Ziel erreicht ? Die Beheimatung des Islam in Syrien hat vieles für sich.

Wer eine so starke Verquickung zwischen Juden­christentum und Frühislam annimmt, kann die Heimat nicht auf der arabischen Halbinsel belassen. Freilich muss man fragen, ob man sich auf die Äußerungen der vom Vf. zitierten altchristlichen Autoren verlassen kann. K.-H. Ohlig, Der frühe Islam 236-306, hat ihren historischen Wert stark in Zweifel gezogen. Auf jeden Fall müsste man viel kritischer mit ihnen umgehen. Als Manko räumt Vf. selbst ein, dass archäologische Zeugnisse für Syrien weitgehend fehlen.

Das gilt allerdings auch für islamische Zeugnisse in Arabien, worauf H. Jansen in seiner Muhammad-Biographie nachdrücklich hingewiesen hat. Dabei äußerte er die Hoffnung, dass die Archäologie in Zukunft vielleicht manches zutage bringt, was bis jetzt dem Spaten der Archäologen nicht zugänglich ist.

In den vielseitigen Ausführungen des Vf. bleibt die historische Figur Muhammads letztlich doch erheblich im Dunkeln, obwohl er die Titelfigur des Buches ist: der Prophet des Messias. Hat sich Muhammad wirklich als ein solcher verstanden? Auch noch als der Prophet des Messias Jesus? Diese These ist abzulehnen. Der Nachweis ist nicht gelungen. Letztlich beruht er darauf, dass die messianische Erwartung, die in den Qumran-Handschriften bezeugt ist (übrigens erwartete man hier zwei Messiasse, den priesterlichen aus dem Haus Aaron und den königlichen aus dem Haus Israel) und in anderen jüdisch-apokalyptischen Schriften nahezu übergangslos auf Muhammad übertragen wurde.

lm Detail bietet das Buch viel Nützliches. Vf. hat enorm viel Material und Literatur verarbeitet. So ist es als dankenswerte Anregung zur weiteren Beschäftigung mit den Problemen zu werten.

Joachim Gnilka

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